O Du Fröhliche?


Nein, danke.

Achtung, kleine Vorwarnung: Echte Weihnachtsliebhaber, die nach „Wham!“-Beschallung in Dauerschleife, tonnenweise Spritzgebäck und der Jagd auf die besten Geschenke jetzt auf dem Höhepunkt ihrer Festtagsstimmung angekommen sind, sollten an dieser Stelle vielleicht besser nicht weiterlesen. Denn ja, es gibt auch Menschen, die dem ganzen Zauber eher weniger abgewinnen können. O Du Fröhliche? Nein, danke, nicht mit mir.

Einen kleinen Vorgeschmack auf das, was einen eigentlich erst Monate später erwartet, kriegt man inzwischen schon im August: Wenn in den Supermärkten wieder die Spekulatiustürme aufgestellt werden, stellen sich mir die Nackenhaare auf. Denn das bedeutet, dass auch Nass, Kalt und Dunkel nicht mehr lange auf sich warten lassen. Die in epischer Länge zelebrierte (Vor-) Weihnachtszeit steht quasi vor der Tür. Ein kleiner Lichtblick sind für mich dabei die Wochen ab Ende November, wenn die Weihnachtsmärkte wieder ihre Pforten öffnen. Oder sagen wir: die Glühweinstände, die ich schnurstracks ansteuere. Kurze Zwischenfrage an der Stelle: Gibt es wirklich Menschen, die in aller Gemütlichkeit von Bude zu Bude schlendern und völlig überteuerte, weil selbst aufgefädelte – is klar – Perlenkettchen kaufen? Mit genügend Glühwein intus überstehe ich die folgenden Wochen jedenfalls einigermaßen – bis, ja bis die Stände am 24.12. wieder schließen und die eigentlichen Tage des Grauens beginnen.

Das Stressometer nach familiärer Festtagsplanung und Weihnachtsshopping ohnehin schon am Anschlag, liegen die Nerven pünktlich zu Heiligabend dann völlig blank. Mit letzten Kräften wird alle Jahre wieder die Lichterkette für den Tannenbaum entwirrt, während sich meine in der Küche maximal untalentierte Mutter fluchend am Herd verausgabt – meistens vergeblich. Wenn es dann klingelt und die buckelige Verwandtschaft vor der Tür steht, erreicht die Pseudoharmonie ihren Gipfel und es heißt es wieder „Let the show begin“. Lächeln, danke sagen und sich bloß nichts anmerken lassen. Denn Weihnachten ist nicht nur die Zeit der Besinnung(slosigkeit), sondern auch die Zeit der großen Lügen. Meine Favoriten, die ich mittlerweile perfektioniert habe:

1. „Prima, das hab‘ ich mir schon immer gewünscht.“
2. „Selbstgemacht? Toll!“
3. „Schön, dich zu sehen.“

Den meisten Spaß hat noch meine demente Großmutter, die sich alle zehn Minuten erneut über ihr Geschenk freut: „Ach, ist das für mich?“ Immerhin: Ihr habe ich es glücklicherweise zu verdanken, dass der erste Spuk, kaum ist der letzte Bissen runtergeschluckt, auch schon wieder vorbei ist. Denn dann muss sie schleunigst nach Hause, weil ja noch so viel zu erledigen ist. Dank Oma liege ich jedes Jahr vollgefressen, aber pünktlich um 20:15 Uhr auf der Couch, um mich meinem einzigen Festtags-Highlight zu widmen: „Kevin – Allein zu Haus“. Doch mein persönliches Weihnachtsglück ist nur von kurzer Dauer: In wenigen Stunden beginnt Weihnachtstag 1 und das Trauerspiel beginnt von vorn. Und so steht wie jedes Jahr auf meinem Zettel nur ein einziger Wunsch: Können wir Weihnachten noch absagen?