365 Tage jedendienstag


Ein Jahresrückblick.

Januar 2019. Die einen hören mit dem Rauchen auf, die anderen fangen mit Sport an. Wir haben gleich mal alles umgekrempelt und jedendienstag gegründet: tschüss Festanstellung. Hallo Freiheit. 365 und ein paar zerquetschte Tage später schauen wir nochmal kurz zurück …

Von der Idee zur Kündigung

Für eine verdammt gute Idee befunden haben wir die Sache mit der Selbstständigkeit erstmals in einem Pool im Dschungel von Costa Rica. Pressemitteilungen schreiben? Konzepte erarbeiten? Kernbotschaften definieren? Das könnten wir auch von hier oder überall aus machen. Ein Jahr später haben wir unseren Plan für wasserdicht befunden und im Sommer 2018 unsere Jobs gekündigt. Puh. Und jetzt?

Abenteuer Amt

In der Theorie war alles soweit durchdacht. Was die Praxis betrifft, hatten wir außer Acht gelassen, dass „Start-up“ in Deutschland noch immer ein Fremdwort ist. Beim Arbeitsamt informierten wir uns über den Gründungszuschuss, dessen Bewilligungsprozess eine Raketenwissenschaft für sich ist. Dabei durften wir neben erwartbarer Bürokratie auch ein Stück Willkür erleben: Denn wer ihn bekommt und wer nicht, liegt in der Hand des jeweiligen Sachbearbeiters. Wir versuchten es trotzdem: Vorsprechen, Anträge, Gründungsseminar, viele Bewerbungen, ein Businessplan, eine auf die nächsten drei Jahre hochgerechnete Liquiditätsplanung (auf Monatsebene!) und eine Begutachtung durch eine fachkundige Stelle. Soweit so notwendig. Doch die letzte Instanz kann trotz aller Bestätigungen einfach „Nö“ sagen. So geschehen: Jede von uns reichte ihre Unterlagen ein. Naja, ich hatte es zumindest versucht – meine Sachbearbeiterin winkte gleich ab und versicherte mir, sich meine Unterlagen nicht einmal anzuschauen. Warum? Weil ich zu jung und zu gut ausgebildet sei und auch so einen Job finden würde. Sie erklärte mir, dass der Gründungszuschuss nur für am Arbeitsmarkt Unvermittelbare gedacht ist. Die Selbstständigkeit als letzter Ausweg für diejenigen, die keiner haben will? Äh ja, macht Sinn. Bei der anderen Hälfte von jedendienstag hat’s geklappt, sie scheint zum Glück unvermittelbar zu sein.

Das Kind braucht einen Namen

Daneben gab es auch die schöneren Dinge des Gründerdaseins: Ein Name musste her. Die besten Ideen kommen bekanntlich bei ein paar Kölsch. Gesagt, getrunken: Je leerer der Kasten, desto besser flossen die Gedanken – aber: Die Ideen müssen auch 24 Stunden später noch überzeugen. Viele haben wir also wieder verworfen. Ein paar haben es in die engere Auswahl geschafft. So muss es sich anfühlen, einen Namen für sein ungeborenes Kind zu suchen.

Nach der Entscheidung ist vor der Entscheidung

War die eine Entscheidung gefallen, standen wir schon vor der nächsten: Denn zum Namen braucht das Kind ja auch ein Gesicht. In diesem Fall eine Corporate Identity mit allem was dazu gehört. Einen solchen Prozess als Dienstleister zu begleiten ist die eine Sache, eine völlig neue Rolle war es aber, plötzlich selbst „Elternteil“ zu sein und zu entscheiden, welche Farbe, Form oder Sprache das eigene Unternehmensbaby haben soll. Mit allen üblichen Detailfragen: Packen wir unser Logo rechts, links oder mittig auf die Website? One-page oder Multi-page? Duzen oder siezen wir? Weiße, altweiße oder doch mattweiße Visitenkarte?

Neben den identitätsstiftenden Fragen gab es dann noch die grundsätzlichen: In welchem Umfeld ziehen wir unser Baby groß? Also: Gesellschaftsform, Firmensitz, Versicherungen (Künstlersozialkasse?), Geschäftskonto, Cloud-Lösung, Buchhaltung (selbst regeln oder an die Steuerberatung abgeben?), Homeoffice oder Bürogemeinschaft – die Liste ist lang.

2019 Big Picture

So viel ist sicher: 2019 war nicht nur das Jahr vieler Freiheiten, sondern auch das Jahr der vielen Entscheidungen. Mit einigen Fragen haben wir gerechnet, mit anderen weniger. Klar, wer frei ist, trifft eben auch freie Entscheidungen (im Rahmen deutscher Bürokratie). Manche fallen leicht, andere eher schwer. Die beste von allen war jedoch, es einfach zu machen. Seitdem war kein Tag wie der andere. 365 Tage jedendienstag – und (hoffentlich) many more to come …