24 Stunden offline


Tschüss Welt!

Das Jahr beginnt traditionsgemäß mit vielen guten Vorsätzen. Jetzt, im zweiten Monat des Jahres, sind ein paar davon vielleicht schon wieder Geschichte. Zumindest mit einem habe ich mich näher beschäftigt, zumindest kurz: „Digital Detox“ – einer der beliebtesten Vorsätze in diesem Jahr. Laut einer Bitkom Untersuchung will jede(r) Zehnte mindestens zeitweise auf digitale Medien verzichten. Na und? 24 Stunden später würde ich das so nicht mehr sagen.

Einen Tag offline: die Vorbereitungsphase

Ja, wenn ich offline gehen möchte, kann ich das grundsätzlich einfach machen. Trau ich mich aber nicht, weil keine Lust auf Aufruhr durch Mutter oder Freundin. Wobei: Vielleicht würde auch einfach nichts passieren. Trotzdem sage ich ein paar Menschen Bescheid. Dann noch schnell die Sportkurse für morgen aus der App abfotografieren – und: Sollte ich schon mal was bei Netflix downloaden? Oder wäre das schon Digital Detox Cheating? Naja, gibt ja sonst noch Fernsehen oder Radio – ach nee, gucke und höre ich auch übers Internet.

Learning 1: Mein Tag Digital Detox beginnt schon mit den Vorbereitungen am Abend davor.

Digital Detox – los geht‘s

Abends im Bett kurze Euphorie: Morgen kaufe ich mir eine richtige Zeitung! Dann Zweifel: Habe ich an alles gedacht? Was ich jetzt nicht im Kopf habe, muss ich morgen in den Stimmbändern und Beinen haben. Oder bis zum nächsten Tag warten. Und das habe ich ja auch völlig verlernt – warten. Egal, WLAN und mobile Daten aus. Tschüss Welt!

Am nächsten Morgen Stille: keine WhatsApp, keine Pushmeldung und meinen Laptop lasse ich direkt aus, weil: Was soll ich damit ohne Internet? Für mich ist seit der letzten Nacht also nichts passiert in der Welt. Nachrichten laufen gerade nicht und eine halbe Stunde auf die nächsten warten? Ich gehe zum Sport. Erstmal Musik auf die Ohren – ach nee: ohne Internet kein Spotify. Runtergeladen hatte ich natürlich nichts.

Ich bekomme eine SMS – ein paar Menschen hatte ich ja informiert. Mittagessen ist gecancelt. Wenig später der Anruf einer anderen Freundin: Sie wolle nur sichergehen, ob ich schon Bescheid wisse: Mittagessen fällt aus. Das zieht sich so durch den Tag. Egal, mit wem ich telefoniere, ich weise immer wieder darauf hin: Bitte anrufen oder SMS schreiben, danke …

Learning 2: Digital Detox betrifft nicht nur mich selbst, sondern auch mein Umfeld.

Ohne Internet. Ohne Neuigkeiten.

Auf dem Weg zwischen Fitnessstudio und Zuhause liegen zig Kioske: In einem davon will ich mir eine Tageszeitung kaufen. Doch mit dem Telefon am Ohr lande ich plötzlich im Hausflur, erst da fällt sie mir wieder ein: die Zeitung. Also zurück. Die Tagesblätter unbeholfen unter den Arm geklemmt, verlasse ich den Kiosk. Seitdem schleppe ich die Papiere durch meine Wohnung: vom Küchentisch zur Couch und zurück. Bisher unberührt.

Learning 3: Online habe ich mich schnell durch die wichtigsten Blätter geklickt – aber eine gedruckte Tageszeitung stellt mich vor eine ganze neue Herausforderung, allein das Handling.

Das Baby und ich

Ich treffe eine Freundin zum Kaffee. Sie zeigt mir den WhatsApp-Verlauf mit ihrem Tinder-Date. Mein eigenes Smartphone tippe ich ausnahmsweise nicht an. Das hat den Effekt, dass ich mich in Sprechpausen umsehe: Die anderen Gäste haben ausnahmslos ein digitales Gerät entweder auf dem Tisch, am Körper oder in der Hand: Eine Frau sitzt am Laptop, eine andere guckt aufs Smartphone, ein Mann liest am Tablet. Nur ein weiterer Gast außer mir ist nicht mit einem Display beschäftigt: das Baby am Nachbartisch.

Learning 4: Während des Treffens gab es ausnahmsweise mal keine Ablenkungen. Ich war einfach nur da, habe nur meine Freundin, meinen Kaffee und die Gäste um mich herum gesehen. Vielleicht etwas klarer als sonst.

Smombie? Joa.

Abends im Bett denke ich über meinen Tag nach – irgendwo endlos scrollen geht ja gerade nicht. Auch mal schön. Also „mal“. Denn ich habe heute vor allem eins über mich gelernt: Ich bin nicht so unabhängig von meinem Handy wie gedacht.

Diesen Spiegel hält mir tags drauf auch mein Wochenbericht zur täglichen Bildschirmzeit vor: durchschnittlich 3 Stunden. Gefühlt waren das doch weniger… Also doch ein Smombie. Ich bin genauso an das Ding gekettet wie (fast) alle anderen. Ist das jetzt ausschließlich schlimm? Ich komme zu einem Jein. Denn ich mag meinen „digitalen Alltag“ und nichts liegt mir ferner als Fortschritt zu verweigern. Dennoch: Smartphone-Sucht und „Nomophobie“ – die Angst vor der Abwesenheit des Handys – die zwar noch keine anerkannte Diagnose ist, aber immerhin bereits einen Namen hat, sind diskussionswürdige Themen. Und 50 bis 100 Mal pro Tag aufs Display tippen, ist ganz sicher nicht gesund. Genau wie jedes „zu viel“.

Am Ende ist es mit dem Handy also wie mit einer Tüte HARIBO: Ich versuche noch, das richtige Maß finden.